Stille und Bewusstsein

Klarer Bergsee in der Stille

In den Textentwürfen für meinen Blog fand ich gerade diesen Blogeintrag. Er war von Anfang 2021 und begann so:

„Um die Jahreswende 2020/21 verbrachte ich 7 Tage in einem Schweigeretreat. Schweigen hatte ich mir vorab definiert als: Keine sozialen Medien, kein WhatsApp, keine Mails, keine Telefonate, niemanden treffen. Sprechen nur mit meiner Katze 😉 und mit den Lehrern und Teilnehmern des Retreats.“

„Wie witzig“, dachte ich, „Eineinhalb Jahre später schwebt mir ein ähnlicher Blogartikel im Kopf herum.“ Also scheint es nun an der Zeit zu sein, dem Thema Stille hier seinen Raum zu geben. Gerade habe ich wieder eine sehr beeindruckende Erfahrung mit Stille gemacht. Wieder hat sie mich etwas gelehrt: Was wir brauchen sind ein paar gute Beziehungen, einen gesunden Körper und Trinkwasser. Doch von vorne.

Stille – für mich im geschäftigen Alltag ein absoluter Luxus. In unserer Gesellschaft, so scheint es mir, haben wir Angst davor. Schweigen im Zusammensein mit anderen ist vielen Menschen sehr unangenehm. Akustische Stille wird vielerorts gefüllt. Mit Musik, Sprechen, Input jedweder Art. Wir lenken uns ab, konsumieren Inhalte in den sozialen Medien, chatten mit Freunden, hören Podcasts, lesen, tun, tun tun. Einfach nur sitzen und sein, sitzen und der Stille lauschen – wie oft tun wir das schon? Der Stille haftet ein beklemmendes, ja ein gespenstisches Image an. Wenn ich ganz ehrlich bin, frage ich mich, ob wir Angst vor der Stille haben, weil wir sie mit etwas assoziieren, womit wir uns unter gar keinen Umständen beschäftigen möchten: Dem Tod.

Dabei ist Stille eine grandiose Lehrmeisterin. Wenn Du in die Stille gehst, verschaffen sich diejenigen Dinge aus Deinem Inneren Gehör, die wirklich wichtig sind. Und dabei beziehe ich mich nicht nur auf die akustische Stille. Ohne die Überlagerung von äußeren Reizen und Ablenkungen wird ein Raum für all das geschaffen, was im Inneren vor sich hin arbeitet. Vielleicht ist ja auch das ein Grund dafür, dass es uns oft eher wenig attraktiv erscheint, sich in die Stille zu begeben.

Die Erfahrung mit der Stille, die ich jetzt gerade gemacht habe, unterschied sich stark von derjenigen auf dem Schweigeretreat vor eineinhalb Jahren. Dieses Mal begegnete Stille mir – und ich ihr – in Form von einer Wanderung in einer der abgelegensten Regionen Deutschlands. Ich war zehn Tage lang in den Alpen unterwegs, hatte viele, viele Stunden kein Netz, keine Gespräche und manchmal sogar keine Gedanken mehr, außer dem Rhythmus meiner Bewegungen zu folgen.

Ich sah.

Sah eine Natur, deren Schönheit mir teilweise den Atem nahm und mir mit ihrer Grandiosität und Anmut Tränen in die Augen trieb. Sattgrüne Flächen, Blumenwiesen mit hunderten von Schattierungen von gelb, lila, orange, blau, rosa, rot, braun, schwarz.

Sah den Tod. In Form eines Gerippes, vielleicht von einer Gams. Gestürzt? Verhungert? An einer Krankheit gestorben? In Form eines Gletschers, der seit den 70er Jahren des 20. Jahrhunderts drei Viertel seiner Fläche eingebüßt hat und wohl in 13 Jahren nicht länger existieren wird. Die rauschenden Wasserfälle, die ins Tal stürzen und Leben bringen werden dann versiegt sein. Dasselbe geschieht zurzeit weltweit. In Indien verschwindet gerade ein Gletscher, von dessen Existenz 2 Millionen Menschenleben abhängen.

Ich hörte.

Hörte hunderte und hunderte von Lebewesen ihrem geschäftigen Treiben nachgehen. Insektenbrummen. Murmeltierwarnen. Schafsblöken. Und einmal sogar den Ruf eines Steinadlers kurz bevor er sich von einem entfernten Gipfel innerhalb von wenigen Minuten hinunterschwang in meine Richtung und über meinen Kopf hinweg flog, bevor er hinter einem anderen Gipfel wieder verschwand.

Hörte Botschaften aus meinem Inneren, die mich daran erinnerten, dass ich zu all dem zugehörig bin. Größer als meine Zugehörigkeit zu einem Geschlecht, einer ethnischen Gruppe, gar einer Spezies, ist meine Zugehörigkeit zum Netz des Lebens (und Sterbens), welches die Erde zurzeit noch umspannt und uns alle auf unsere ganz persönliche, spannende Reise schickt.

Ich roch.

Roch den Duft abertausender Wildblumen. Immer wieder irgendeine Zitrusnote, die ich weder zuordnen noch orten konnte, die mich aber jedes Mal mit großer Freude füllte. Roch die Ausscheidungen der Lebewesen, deren Lebensraum ich durchschritt.

Roch den unterschiedlichen Geruch von Winden aus unterschiedlichen Richtungen. Winde, die auf der anderen Seite der Erde durch Baumwipfel gestreift sind, die über den Ozeanen der Welt Feuchtigkeit aufgenommen hatten und an anderer Stelle verteilt hatten. Winde, die mir hier oben zwischen 2000 und 3000 Metern ein paar Details ihrer Reise erzählten, bevor sie sich ins nächste Tal hinabschwangen, um die Gerüche der Zivilisation in sich aufzunehmen.

Ich schmeckte.

Schmeckte die wundervolle Süße frischen Quellwassers. Schmeckte das Leben in konzentrierter Form. Schmeckte Blaubeeren und Walderdbeeren am Wegesrand.

Schmeckte, wie Luft hinten im Rachen schmeckt, wenn ich stundenlang nichts tat außer gehen und atmen. Gehen und atmen. Schmeckte den Unterschied zwischen sonnengeschwängerter Luft und Nebel. Den Unterschied zwischen Regenluft und trockenem Wind. Schmeckte, wie die ersten Worte schmecken, wenn ich stundenlang nicht gesprochen habe. Schmeckte die Fülle des selbst einfachsten Gerichts in meinem normalen Alltag.

Und ich fühlte.

Fühlte tiefen Respekt und Dankbarkeit für die Natur, deren Prinzip die Fülle ist, die um des Gebens Willen gibt. Fühlte Aufgehobensein in diesen teils unwirtlichen Gegenden. Fühlte Verbundensein mit allen Lebewesen, die diesen wundersamen und wunderschönen Planeten bevölkern. Fühlte mich unendlich frei. Fühlte mich schuldig, zu einer Spezies zu gehören, die einen Großteil des Lebens auf diesem Planeten mit Füßen tritt.

Fühlte Besorgnis um die zerbrechliche Existenz dieses wundersamen und wunderschönen Planeten. Fühlte diese Besorgnis als Ausdruck meines fürsorglichen Herzens, das dazu imstande ist, all das, was ist, klar zu sehen, und immer wieder in sich aufzunehmen. Fühlte die aufrichtige Absicht, alles willkommen zu heißen, gut zu lieben, in echter Verbundenheit zu leben.

Erinnerung

Dieses Mal brachte die Stille mir keine völlig neuen Einsichten. Vielmehr erinnerte sie mich an einige wichtige Dinge, die ich schon weiß, im Alltag aber manchmal vergesse.

Das Wichtigste im Leben ist, sich daran zu erinnern, was im Leben am wichtigsten ist.

  • Gut lieben und gut geliebt werden. Ganz grundlegend bedeutet das für mich, Menschen (mich selbst übrigens inbegriffen) so zu lieben, wie sie wirklich sind. Und es heißt, sich gut um sich selbst und gut um diejenigen zu kümmern, die dem eigenen Herzen anvertraut wurden.
  • Die Geschenke, die wir im Leben erhalten haben, anerkennen und annehmen. Das ist für mich eine wichtige Grundlage dafür, mich auch für andere Lebewesen einsetzen zu können, die es nicht so glücklich getroffen haben.
  • Verantwortung für das eigene Handeln in der Welt übernehmen. Dieser Punkt wurde mir bei dieser Begegnung mit der Stille am deutlichsten wieder ins Bewusstsein gerückt. Meine Werte sind sehr klar ausgerichtet und ich weiß sehr genau, was für mich richtig und falsch bedeutet. Es geht um so viel mehr, als um mein eigenes kleines Selbst (auch, wenn ich es sehr liebe). Im Alltag gehe ich hier immer wieder Kompromisse ein. Aus gefühltem Zeitmangel, aus Bequemlichkeit, aus Angst, anzuecken. Die Botschaft der Stille fordert dieses Mal wieder mehr Mut und Engagement von mir. Wer Englisch kann, möge gern diesen Artikel über die Verbindung von Ethik und Erleuchtung lesen.

Stille stellt keine Fragen, aber sie kann auf alles eine Antwort geben.

ernst ferstl

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: