Spiritual Bypassing

Die Anzahl von oberflächlichen spirituellen Angeboten wächst und wächst und die Verkäufer solcher Angebote feiern auch in Deutschland beachtliche Erfolge. Alle Probleme lösen, indem Du eine andere Perspektive einnimmst oder Dir Deinen Weg zum Glück herbei-manifestierst? Ein verlockender Gedanke. Aber er hat auch seine Schattenseiten.

Heute möchte ich Dir meine derzeitigen Gedanken über Spiritual Bypassing mitteilen. Wir gehen darauf ein, was Spiritual Bypassing überhaupt ist und woher es kommt, hinterfragen, warum es nicht der weiseste Ratgeber ist, und sehen uns an, welche Wege ich persönlich für lohnenswerter (wenn auch manchmal auf den ersten Blick schwieriger) halte.

Was ist Spiritual Bypassing?

Spiritual Bypassing ist laut dem amerikanischen klinischen Psychologen John Welwood:

Die Tendenz, sich spiritueller Konzepte und Praktiken zu bedienen, um unbewältigten Emotionen sowie psychologischen Verletzungen und notwendigen Entwicklungsschritten aus dem Weg zu gehen, sie sozusagen zu umgehen.

Wenn wir uns auf einen spirituellen Weg begeben, kann es geschehen, dass wir versuchen, uns auf ihm über die Dinge zu erheben, die uns zu unangenehm erscheinen, als dass wir uns mit ihnen auseinandersetzen möchten. Mir kommt das Bild einer Brücke in den Sinn, auf der wir voller Licht und Liebe über den ganzen Schlamm aus menschlichen Missverständnissen, unangenehmen Gefühlen und quälenden Gedanken wandeln, ohne uns die Füße schmutzig machen zu müssen. Und sofort denke ich auch an den Ausspruch von Thich Nhat Hanh „Kein Schlamm – kein Lotus“. Mit diesem Gedanken erinnert einer der größten spirituellen Lehrer des 20. und 21. Jahrhunderts uns daran, dass wir Glück nicht erlangen, indem wir vor unserem Leiden davonlaufen, sondern, indem wir es anerkennen.

Wie kann ich Spiritual Bypassing erkennen?

Den unangenehmen Seiten des Menschseins aus dem Weg zu gehen, anstatt echten Frieden mit ihnen zu schließen, kann ganz unterschiedliche Facetten haben. Diese Tendenz kann sich beispielsweise durch eine übertriebene Unabhängigkeit von „Weltlichem“ und/oder anderen Menschen zeigen. Das geschieht im falsch verstandenen Versuch, sich über Anhaftung zu erheben. Sie kann sich durch unangemessene Relativierungen unserer alltäglichen menschlichen Schwierigkeiten ausdrücken – im falsch verstandenen Versuch, Gleichmut zu üben. Oder sie kommt in der Gestalt daher, dass wir unsere Umwelt von allen Irritationen zu befreien versuchen – im falsch Verstandenen Versuch, inneren Frieden walten zu lassen. Spiritual Bypassing kann auch dazu führen, dass wir jemandem vorzeitig (scheinbar) verzeihen – obwohl wir innerlich eigentlich noch nicht bereit dazu sind – im falsch Verstandenen Versuch, Verbindung zu schaffen. Allen Ausprägungen ist gemein, dass die eigentlichen menschlichen Bedürfnisse oder Gefühle nicht gehört und aufgrund einer Vorstellung vom „erleuchteten Menschen“ mit spirituellen Konzepten oder Praktiken überlagert wird. Es handelt sich um eine sehr geschickt getarnte Vermeidungstaktik.

Doch genauso, wie wenn wir versuchen, unsere wahren menschlichen Bedürfnisse und Gefühle durch andere Dinge zu verdrängen – wie beispielsweise durch Süchte oder andere schlechte Angewohnheiten (sich beispielsweise durch übermäßigen Konsum zu betäuben) – erfordert Spiritual Bypassing (zu) viel Energie und bringt keinen echten Frieden. Nur einen aufgesetzten Frieden, der sehr angreifbar ist.

Toxische Positivität

Ich habe den Eindruck, dass Spiritual Bypassing oft begleitet ist von einer scheinbar absoluten Überzeugung, das spirituelle Konzept, das man verfolgt, sei der Schlüssel zu schlichtweg allem, und/oder von toxischer Positivität. Toxische Positivität kennzeichnet sich dadurch, dass alles Schöne und Gute überhöht wird und zwar zu Lasten der Anerkennung, dass auch sogenannte negative Gefühle (lasst sie uns lieber schwierige Gefühle nennen) erlaubt sind. Wut, Ärger, Ängste – all diese Gefühle müssen bei diesem dysfunktionalen Ansatz möglichst schnell verschwinden, sofern überhaupt noch eingestanden wird, dass sie manchmal auftauchen. Dieser Zwangsoptimismus hat einen populären Ausdruck im Hashtag #GoodVibesOnly gefunden.

Was haben Spiritual Bypassing und toxische Positivität gemeinsam?

Beide Tendenzen werden uns als menschliche Wesen in all unserer Komplexität nicht gerecht und sind meiner Meinung nach darüber hinaus gefährlich für unsere Psyche. Wenn der (ehrenwerte) Wunsch danach, sich in Richtung eines weiseren Wesens zu entwickeln dazu führt, das eigene Wesen nur dann wertzuschätzen, wenn es der Vorstellung von einem erleuchteten Wesen nahekommt, wenn der (ehrenwerte) Wunsch danach, statt schwarzzumalen, eine positive Perspektive aufs Leben zu haben dazu führt, dass die manchmal harte Realität negiert werden muss, dann lehnen wir unser wahres menschliches Wesen im Kern ab, dann benutzen wir spirituelle Konzepte und Praktiken lediglich für einen sehr gut getarnten Perfektionismus bzw. eine sehr gut getarnte Selbstoptimierung zulasten unserer Seele mit all ihren Facetten.

Merke: Spiritual Bypassing und ein wahrhaft gesunder spiritueller Weg können von außen betrachtet völlig gleich aussehen. Es geht um die innere Qualität, ja, vielleicht die aufrichtige und bedingungslose innere Selbstliebe, mit der der Pfad begangen wird.

Wie verhindere ich Spiritual Bypassing?

Ich denke, Akzeptanz und Selbstmitgefühl sind hier wieder einmal der Schlüssel. Akzeptanz brauchen wir, um unseren menschlichen Schlamm anzuerkennen und um den Willen aufzubringen, unsere Gummistiefel anzuziehen und uns mitten reinzustürzen in diesen Schlamm aus unseren schwierigen Gefühlen, menschlichen Missverständnissen und quälenden Gedanken. Statt über die morsche Brücke aus #GoodVibesOnly, Beziehungsabbrüchen und Kontrollsucht zu laufen. Im Hinblick auf Akzeptanz empfehle ich wärmstens das Buch „Mit dem Herzen eines Buddha“ von Tara Brach.

Selbstmitgefühl brauchen wir, wenn wir im Schlamm stecken, unsere Gummistiefel vollgelaufen sind, wir stolpern und mit unserem Gesicht mitten rein klatschen in unseren Schlamm. Um dann durchzuatmen und uns der schlammigen Situation zuzuwenden, statt uns ihrer angeekelt zu entledigen und uns zu schwören, dass wir nie wieder in matschige Gefilde vordringen wollen. Zum Thema Selbstmitgefühl lege ich Dir alle Bücher dazu von Kristin Neff ans Herz.

Spiritual Bypassing bei modernen Gurus

Spirituelle Lehrer:innen sind Menschen und als solche fehlbar. So gibt es zahlreiche Lehrer:innen, die Spiritual Bypassing verkaufen: Ein Trugbild spiritueller Perfektion. Wenn Du auf der Suche nach jemandem bist, der/die Dich auf Deinem Weg begleitet – beispielsweise einer Achtsamkeitslehrerin oder einem Coach – dann können folgende Anhaltspunkte Dir helfen, kein Spiritual Bypassing einzukaufen:

  • Die Person erhöht sich nicht: Sie weiß, dass sie auf dem Weg ist und möchte bereits Gelerntes weitergeben, behauptet aber nicht, schon am Ziel angelangt und daher besser als andere zu sein.
  • Die Person erzwingt kein bestimmtes Ergebnis: Sie bietet Methoden und Techniken an, von denen sie überzeugt ist, hält es aber aus, wenn diese für manche Menschen nicht hilfreich sind. Sie unterstützt Dich in dem Fall dabei, Wege zu finden, die für Dich in Deiner Situation hilfreich sind.
  • Die Person ist menschlich: Sie zeigt nicht nur ihr #GoodVibesOnly-Gesicht, sondern lässt zu, dass ihre Schüler:innen auch verletzliche oder scheinbar unperfekte Seiten von ihr kennenlernen. Auch wenn sie einen Wissensvorsprung in Bezug auf beispielsweise Achtsamkeit hat, ist der Austausch so immer auf zwischenmenschlicher Augenhöhe.
  • Die Person hält den Raum: Sie hat ausreichend innere Stärke und auch die professionelle Ausbildung dafür, unangenehme Situationen, wie beispielsweise Konflikte in der Gruppe, anzuerkennen und einen konstruktiven Umgang damit anzuleiten.

Als Achtsamkeitslehrer:innen haben wir meiner Meinung nach auch die Aufgabe, uns selbst immer wieder zu hinterfragen: Sind die Motive, aus denen ich unterrichte, noch die Richtigen? Bin ich derzeit in der Lage, meinen Schüler:innen in all ihrer Menschlichkeit liebevoll zu begegnen? Gibt es Themen, die ich besser anderen Lehrer:innen überlassen sollte? Wo habe ich blinde Flecken, die meinen weisen und heilsamen Umgang mit meinen Schüler:innen stören könnten?

Spiritual Bypassing ist ein solcher blinder Fleck. Ich hoffe, mein Artikel hilft Dir dabei, Lehrer:innen, die es verkaufen, zu vermeiden. Damit Du wirkliche Menschenliebe statt in spirituellem Gewand getarnte Selbstoptimierung erleben und den wundervollen Weg der Achtsamkeit mit einer heilsamen Begleitung zurücklegen darfst.

Photo credit: Shashi Chaturvedula

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