Unbeständigkeit und Vergänglichkeit

Was bedeutet Unbeständigkeit?

Unbeständigkeit und Vergänglichkeit spielen in der Achtsamkeitslehre eine grundlegende Rolle. Es sind zwei Begriffe, die zunächst recht abstrakt, philosophisch und unpersönlich anmuten. Achtsamkeit ist jedoch eine erfahrungsbasierte Praxis, die sich sehr konkret damit beschäftigt, wie wir unser Leben auf eine gesunde und förderliche Art gestalten können. Und tatsächlich kann die Auseinandersetzung mit Unbeständigkeit und Vergänglichkeit ganz praktische und konkrete Auswirkungen auf unseren persönlichen Alltag haben.

Wenn ich über Unbeständigkeit schreibe, meine ich damit, dass Umstände, Situationen und Personen kein feststehender Teil unseres Lebens sind. Sie sind vielmehr im ständigen Wandel und verändern sich dauernd. Ein Beispiel für die Beschreibung von Unbeständigkeit im Buddhismus, auf dem die Achtsamkeitslehre ja beruht, ist die Lehre der acht weltlichen Bedingungen (auch die acht weltlichen Winde oder acht Weltgesetze genannt).

Die acht weltlichen Bedingungen scheinen Gegensatzpaare zu bilden. Doch ich bin überzeugt: Haben wir die Realität von Unbeständigkeit und Vergänglichkeit wirklich verstanden und verinnerlicht, wissen wir, dass es keine Dualität, keine Gegensätze gibt. Denn: Jede Erscheinung trägt bereits (zumindest das Potenzial) ihres „Gegensatzes“ in sich.

Gibt es Unbeständigkeit in Deinem Leben?

Zurück zu den lebenspraktischen und persönlichen Auswirkungen von Unbeständigkeit und Vergänglichkeit: Ich lade Dich, liebe(r) Leser:in, zu einer gemeinsamen Betrachtung ein. Lass uns gemeinsam überlegen, ob Du der Aussage, dass die Umstände in unserem Leben unbeständig sind, aus eigener Erfahrung zustimmen kannst. Zu dem Zweck habe ich hier eine Liste von Lebensdimensionen für Dich zusammengetragen (die Du selbstverständlich gern ergänzen kannst). Wenn du möchtest, nimm Dir ein Blatt und einen Stift zur Hand. Wähle eine oder mehrere dieser Lebensbereiche aus und überlege, ob die Umstände in diesem Bereich bisher immer gleichbleibend waren oder einem gewissen Wandel unterlagen.

Nimm Dir ruhig etwas Zeit. Du kannst, wenn Dir danach ist, auch überlegen: Welche Veränderungen sind in diesem Lebensbereich bisher eingetreten? Hatte ich sie kommen sehen? Welche Gefühle haben die Veränderungen in mir ausgelöst? Und wie betrachte ich die Veränderungen mit etwas mehr zeitlichem Abstand?

Warum hilft das Wissen um Unbeständigkeit?

Da wir Menschen Sicherheit und Kontrolle mögen, kann es Angst machen, sich mit Unbeständigkeit und Vergänglichkeit zu befassen. Warum lohnt es sich dennoch?

Bei der Achtsamkeit geht es unter anderem darum, die Realitäten des Lebens klar zu erkennen. Die Wirklichkeit der Unbeständigkeit zu erkennen, verhindert zwei irrtümliche Annahmen, nämlich die Annahme, dass Erscheinungen von Dauer sind und die Annahme, dass wir unendlich viel Zeit auf Erden haben. Diese beiden falschen Annahmen können in Momenten der Veränderung viel Leid verursachen. Denn wenn wir irrtümlicherweise von Beständigkeit ausgehen, reagieren wir auf unvorhergesehene (und unerwünschte) Veränderungen in unserem Leben beispielsweise mit dem Gefühl, das Leben sei unfair („Es ist nicht fair, dass mein(e) Ex-Partner:in mich nicht mehr liebt…“), nehmen es persönlich, dass sich etwas verändert („Warum erwischt ausgerechnet mich diese Krankheit?“), lehnen uns gegen diese „unnatürliche“ Entwicklung auf und ver(sch)wenden viel Energie beim Kampf gegen die Realität.

Unbeständigkeit ist nicht unfair

Haben wir hingegen verstanden und verinnerlicht, dass Unbeständigkeit und Wandel ein natürlicher Teil des menschlichen Daseins sind, können wir uns erlauben im Angesicht von Veränderungen gelassener zu sein und sie weniger persönlich zu nehmen. Das bedeutet ausdrücklich nicht, dass wir den Schmerz, der mit Unbeständigkeit einhergehen kann, negieren. Es bedeutet nicht, dass wir unsere Verantwortung für unser Leben abgeben und die Hände in den Schoß legen, weil ohnehin alles willkürlich ist. Es bedeutet nicht, dass wir die Erfahrung, die wir machen, wenn sich in unserem Leben eine grundlegende Änderung vollzieht, schönfärben, einen Satz murmeln wie „Naja, das Leben ist eben unbeständig.“ und so tun, als wäre alles in Ordnung, wenn wir in Wirklichkeit unsere lieben Schwierigkeiten mit den Veränderungen haben.

Aber, es kann bedeuten, dass wir weniger Energie darauf verwenden, dagegen anzukämpfen, wie unfair es erscheint, dass ein bestimmter Verlust in unser Leben getreten ist. Das Wissen, dass Unbeständigkeit ein natürlicher Teil des menschlichen Daseins ist, kann uns dabei helfen, uns schneller auf das zu konzentrieren, was wir nach einem Verlust wirklich brauchen, nämlich die Arbeit rund um Trauer, rund um einen freundlichen Umgang mit uns selbst, rund um Themen wie Selbstmitgefühl, Hilfe annehmen lernen etc.

Unbeständigkeit ist keine Bestrafung

Der menschliche Geist tut sich mit Zufälligkeit recht schwer. Wenn die Dinge nicht so laufen, wie wir es uns vorgestellt hatten – und das ist bei Verlusten bzw. Unbeständigkeit ja durchaus manchmal der Fall – ist der Geist ganz gut und schnell darin, einen Grund dafür zu erdenken. Oft genug habe ich erlebt und in Gesprächen erfahren, dass Menschen nach einem Schicksalsschlag nicht nur mit dem Verlust an sich umgehen müssen, sondern sich auch noch mit diesen gemeinen Geschichten auseinandersetzen müssen, die der Geist darüber ersinnt, dass der Schicksalsschlag eine Art Bestrafung ist. („Vielleicht wäre das alles nicht passiert, hätte ich …“). Manchmal sind wir auf irgendeiner Ebene überzeugt, es verdient zu haben, wenn uns ein Verlust trifft („Ich bin halt einfach zu schwach…“). Manchmal ersinnt unser Geist dann Zusammenhänge, die gar nicht da sind. Das Verständnis, dass Unbeständigkeit ein normaler Teil des Lebens ist, kann uns dabei helfen, uns in Momenten des Verlusts selbst weniger runterzumachen. Und nochmal: Ich plädiere nicht dafür, jegliche Verantwortung von sich zu weisen. Aber wir können lernen, dass es eben auch Dinge in unserem Leben gibt, die wir nicht herbeigeführt haben; und dass unsere Verantwortung dann einfach nur darin besteht, einen heilsamen Umgang damit zu finden.

Unbeständigkeit ist keine Einzelerfahrung

Das Wissen um Unbeständigkeit und Vergänglichkeit kann uns außerdem daran erinnern, dass niemand von uns völlig losgelöst von anderen existiert. Ganz gleich, ob wir uns für jung oder alt, reich oder arm, gesund oder krank, dumm oder klug etc. halten, wir alle erleben Unbeständigkeit. Wir verlieren Träume, Hoffnungen, Dinge, geliebte Haustiere und Menschen, Gesundheit, Fitness, Sicherheit, Chancen usw. Wir alle unterliegen dem Wandel. Und wir alle haben den Wunsch, einen Umgang mit Unbeständigkeit und Vergänglichkeit zu finden, der sie weniger rücksichtslos erscheinen lässt.

Unbeständigkeit ist unbeständig

Für mich persönlich bedeutet Unbeständigkeit auch, dass selbst die Phasen, in denen wir unter Unbeständigkeit und Verlust leiden, nicht ewig andauern. Auch unsere schwierigen Zeiten ändern sich irgendwann wieder, werden milder und lassen nach und nach wieder Raum für die Schönheit des Lebens. Und selbst sehr schwierige Zeiten sind oft durchsetzt mit Momenten, in denen es leichter ist. Momenten, in denen wir trotz allem kurz Freude empfinden. Momente, in denen eine Freundin oder ein Freund uns durch eine Umarmung ein warmes und sicheres Gefühl vermittelt. Momente, in denen der Anblick schöner Natur uns trotz allem lächeln lässt.

Was bedeutet Vergänglichkeit?

In letzter Konsequenz bedeutet Unbeständigkeit auch Vergänglichkeit. Am Leben zu sein, heißt auch, sterben zu müssen. Wird ein Lebewesen geboren, können wir über dieses Leben, das vor ihm liegt, nichts mit Sicherheit voraussagen, außer, dass es irgendwann auch wieder enden wird.

Gedanklich ist uns das allen klar. Wir wissen, dass wir sterblich sind. Doch wir schotten uns normalerweise von diesem Wissen ab, schützen uns dagegen, verdrängen es. Nur so ist es zu erklären, dass wir zutiefst erschüttert sind, wenn wir erfahren, dass jemandem, den wir kennen, eine lebensbedrohliche Krankheit diagnostiziert wurde. Und selbst dann leben wir doch oft so, als träfe der Tod immer nur „die anderen“.

Ich erinnere mich an einen Abend vor einigen Jahren, als ich mit Freunden im Urlaub war. Es war ein lauer Sommerabend, wir tranken gemütlich Rotwein und eine philosophische Stimmung kam auf. Ein Freund machte unser Grüppchen darauf aufmerksam, dass wir „nur noch um die 40 Sommer“ hätten. Ich weiß noch, dass mich das traf wie eine Bombe. Und dass mir sofort einige Fragen im Kopf umherschwirrten. „Möchte ich, dass meine Jahre künftig auch so aussehen, wie sie jetzt aussehen?“ „Wäre es für mich in Ordnung, wenn mein Leben jetzt vorbei wäre?“ „Hätte ich das Gefühl, es „gut“ gelebt zu haben?“ „Was will ich in meinem Leben anders haben?“ „Was möchte ich genauso beibehalten, wie es ist?“

Abgesehen davon, dass Unbeständigkeit und Vergänglichkeit dafür sorgen, dass unsere finsteren Phasen nicht ewig andauern, halten sie meines Erachtens ein weiteres Geschenk für uns bereit: Sie schärfen unseren Blick dafür, was wirklich wichtig ist.

Frank Ostaseski hat über Jahrzehnte hinweg Menschen beim Sterben begleitet. Darüber, was er von und mit den Sterbenden gelernt hat, schrieb er unter anderem ein Buch mit dem Titel „Die fünf Einladungen“, welches ich wärmstens empfehle. Ich verzichte auf eine Zusammenfassung des Inhalts, möchte Dir aber gern die fünf Einladungen an sich (in meiner Übersetzung aus dem Englischen) mitteilen:

Da Achtsamkeit und Meditation etwas sehr Persönliches sind und ich überzeugt bin, dass wir Dinge nur dann wirklich verstehen und verinnerlichen, wenn wir sie selbst erfahren bzw. betrachten, habe ich zum Schluss noch eine kleine Aufgabe für Dich, liebe(r) Leser:in. Ich habe drei Fragen an Dich und lade Dich dazu ein, Dir eine oder mehrere auszusuchen und ein wenig darüber nachzudenken. So werden Unbeständigkeit und Vergänglichkeit vermutlich auch Dir ihre Geschenke überreichen.

  • Was bedeutet es für Dich, mit anderen Menschen und Lebewesen in Verbindung zu sein?
  • Wenn Du wüsstest, dass Du nächstes Jahr stirbst, worauf würdest Du Dich bis dahin konzentrieren?
  • Was bedeutet es für Dich, gut zu lieben?

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